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Exposition gegenüber Sexualhormonen bei Haustieren erregt Aufmerksamkeit in Europa

Jüngste Studien zeigen potenziell tödliche Folgen für Katzen auf

January 30, 2024 (published)
Archivfoto des VIN News Service mit freundlicher Genehmigung von Dr. Lisa Pope
Vor mehr als einem Jahrzehnt erlitt ein Cavalier King Charles Spaniel in Los Angeles eine deutliche Schwellung der Genitalien, nachdem er versehentlich der Östrogen-Hautcreme seiner Besitzerin ausgesetzt war. Das Thema hat in jüngster Zeit in Europa an Aufmerksamkeit gewonnen, da Haustiere auf der ganzen Welt weiterhin unbeabsichtigt exponiert sind.

This story originally was published in English. The German translation was provided by Pia van Benthem.

Der erste Bericht, der Dr. Ann Neuberts Aufmerksamkeit erregte, betraf eine Züchterin von französischen Bulldoggen und Chihuahuas. Im Laufe von drei Monaten wurden vier Welpen mit merkwürdigen Abnormalitaeten geboren. Drei Hündinnen hatten vergrößerte Vulven, während ein Rüde geschwollene Zitzen hatte. Die offensichtliche Ursache: die Exposition gegenüber einem Medikament, das die Züchterin auf ihre Haut aufgetragen hat und das Sexualhormon Östrogen enthält.

Als Tierärztin beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erfuhr Neubert von dem Fall durch eine Nebenwirkungsmeldung, die 2020 von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker beim BVL eingereicht wurde. Die Kommission erfasst Arzneimittelrisiken und wertet Beschwerden von Apotheken zu Arzneimittelqualität und Nebenwirkungen aus.

Obwohl sie die Welpen nicht selbst gesehen hatte, begriff Neubert schnell die klinischen Implikationen: Wenn diese Hunde versehentlich mit der transdermalen Hormontherapie ihrer Besitzerin in Kontakt gekommen waren und offensichtliche Auswirkungen zeigten, könnte dies auch bei anderen Haustieren der Fall sein – und auch bei Kindern.

„Wir können unsere Haustiere als eine Art Indikator dafür sehen, was mit unseren Kindern passieren kann", sagte Neubert in einem Interview mit dem VIN News Service. „Heute werden Haustiere und Kinder sehr ähnlich behandelt. Daher ist es wirklich wichtig, dieses [Expositionsrisiko] im Auge zu behalten."

Um das Phänomen zu dokumentieren und Tierärzte in ihrem Land zu sensibilisieren, trugen Neubert und Kollegen die Ergebnisse einer Studie zusammen, die im vergangenen Monat in der Fachzeitschrift Der Praktische Tierarzt veröffentlicht wurde.

Die Studie trägt zu einem wachsenden, wenn auch immer noch wenig erforschtem internationalen Phänomen bei, das die Beliebtheit von Hormonprodukten widerspiegelt, welche in Form von Salbe, Gel oder Spray auf die Haut aufgetragen werden– in der Regel Östradiol (eine Form von Östrogen) für Frauen, sowohl in als auch nach den Wechseljahren sowie auch Testosteron für Männer.

In Kürze

Obwohl es in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, ist das Problem nicht neu. VIN News begann 2010 über die versehentliche Exposition gegenüber transdermalen Hormonen zu berichten. In den folgenden zehn Jahren zählte VIN News mehr als 150 Fälle bei Haustieren, hauptsächlich Hunden. Bei den meisten handelte es sich um anekdotische Referenzen in Beiträgen in Foren des Veterinary Information Network, einer Online-Community für den veterinärmedizinischen Berufsstand und die Muttergesellschaft von VIN News. Einige Fälle stammen aus Korrespondenz und Gesprächen mit Tierärzten und Tierbesitzern.

Das Bewusstsein in der Tierärzteschaft in den Vereinigten Staaten ist heute höher als noch vor einem Jahrzehnt, wie aus den Diskussionen in den VIN-Foren zu diesem Thema hervorgeht. Die Nutzer und Nutzerinnen von Hormonpräparaten sind jedoch weniger informiert.

Erst im Oktober erhielt VIN News eine E-Mail von einer Person, dass die Zitzen ihres Rüden sich vergrößerten, kurz nachdem die Person mit der Hormonersatztherapie begonnen hatte.

„Ich bin so froh, dass ich einen tollen Tierarzt habe, der sich dieses Problems bewusst war", schrieb die Besitzerin des Hundes.

Tierärzte sind immer noch dabei, das Ausmaß und die Folgen von Expositionen zu verstehen.

Größere Hunde sind auch anfällig; haarlose Katzen ganz besonders

Bei Hunden gelten kleine Hunde als anfälliger für das Problem, da sie im Verhältnis zu ihrer Körpergröße eher höheren Dosis ausgesetzt sind. Doch die Tierärztin Neubert und ihre Kollegen dokumentierten, dass auch größere Hunde betroffen sein können.

Unter den Berichten, die die Forscher überprüften, befanden sich auch Fälle von Vizsla, Weimaraner und Rhodesian Ridgeback. Der Ridgeback war mit 31 Kilogramm (68 Pfund) am schwersten.

Kleine, kurzhaarige Hunde waren jedoch häufiger vertreten, wobei die häufigsten Rassen Chihuahua, Italienischer Windhund, Mops, Dackel, Basenji und Boston Terrier waren.

Insgesamt untersuchten die deutschen Forscher die Fälle von 42 Hunden. Die meisten Fälle stammten aus zuvor veröffentlichten Studien, während 16 Fälle aus der EU Pharmakovigilanz Datenbank stammten, einer Sammlung von Arzneimittelnebenwirkungen, die in der Europäischen Union gemeldet wurden.

Die häufigsten klinischen Anzeichen einer Exposition waren geschwollene Vulven und Haarausfall (Alopezie).

Die Veröffentlichung berichtete auch über die Fälle von 13 Katzen, von denen 11 in der EU Pharmakovigilanz Datenbank dokumentiert waren.

Neubert sagte, dass die Daten bei Katzen insofern aufschlussreich waren, als dass klinische Anzeichen der Exposition häufig verhaltensbedingt und schwerwiegender waren als bei Hunden – was manchmal zu tragischen Enden führte.

Ein auffallend schwerer Fall bei Katzen wurde in einem Fachartikel von Forschern in Schweden ausführlich beschrieben, der im Oktober 2022 in der Fachzeitschrift Veterinary Record veröffentlicht wurde. Die Fälle in dieser Studie stammten aus Berichten über unerwünschte Ereignisse an die schwedische Arzneimittelbehörde und aus derselben EU-Pharmakovigilanz-Datenbank, die von den Forschern in Deutschland angezapft wurde.

Die bedauerliche Katze war eine von dreien, die einer Frau gehörten, die sich gegen Wechseljahresbeschwerden zweimal täglich ein Hormonspray auf die Oberarme verabreichte. Dem Bericht zufolge begann sich die Katze, eine kastrierte, 3,5 Jahre alte Sphynx – eine haarlose Rasse – etwa zwei Wochen, nachdem die Besitzerin mit der Anwendung des Arzneimittels begonnen hatte, so zu verhalten, als ob sie läufig wäre. Sie miaute exzessiv, verlor ihren Appetit, hob ihr Hinterteil und war „besonders anhänglich".

Eine zweite Katze im Haushalt, ein 2,5 Jahre, alter kastrierter männlicher Sphynx, begann sich ebenfalls anders zu verhalten. „Zu den berichteten Symptomen gehörten Angstzustände, verstärkte Anzeichen von Revierverhalten und ein erhöhtes sexuelles Interesse an der weiblichen Katze", schrieben die Autoren.

In dem Glauben, dass die kastrierte Katze Überreste der Eierstöcke zurückbehalten hatte, verschrieb ihr Tierarzt das Medikament Deslorelin, ein synthetisches Sexualhormon, um den Auswirkungen entgegenzuwirken. Aber einen Monat später, so berichteten die Forscher, ging es ihr noch schlechter: „[D]ie Anzeichen verstärkten sich und umfassten starke Lautäußerungen, ungewöhnliches territoriales Urinieren außerhalb der Katzentoilette, Hyporexie [eine anhaltende Abnahme des Appetits], Schlaflosigkeit und abnormales 'psychotisches' Verhalten."

Der Katze wurde dann das Medikament Gabapentin verabreicht, das auf das Nervensystem wirkt. Einen Monat später hatte sich ihr „allgemeiner Gesundheitszustand ... verschlechtert." Ihr wurde das Hormon Progesteron verabreicht. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich.

Es folgte eine explorative Operation. Der Chirurg fand keine Eierstockreste. Die Besitzerin entschied sich schließlich dafür, die Katze aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands und ihrer unablässigen, übermäßigen Östrussymptome einschläfern zu lassen.

Später adoptierte die Frau ein 12 Wochen altes, unkastriertes männliches Sphynx-Kätzchen. Bald bemerkte sie, dass die Zitzen des Katers vergrößert waren. Eine tierärztliche Untersuchung ergab, dass der Kater auch ungewöhnlich kleine Hoden hatte.

Zu diesem Zeitpunkt identifizierten die Besitzerin und der Tierarzt die Hormontherapie der Besitzerin als vermutete Ursache für die Probleme ihrer Katzen. Die Besitzerin setzte die Hormontherapie ab, der Kater wurde mit dem Steroid Aglepriston behandelt, und innerhalb einer Woche hatte sich der Gesundheitszustand beider Kater gebessert und sie erholten sich schließlich vollständig.

Ein weiterer gemeldeter Fall mit tödlichem Ausgang betraf zwei exponierte, intakte weibliche Katzen. Wie die Forscher in Schweden berichteten, waren die beiden ungewöhnlich klein und wogen jeweils zwischen 2 und 3 Kilogramm (4,5 und 6,5 Pfund). Als Norwegische Waldkatzen, eine große Rasse, hätte das Normalgewicht laut Neubert 3,5 bis 7 Kilogramm (7,7 bis mehr als 15 Pfund) betragen müssen. Beide Katzen brachten Würfe mit verkümmerten oder totgeborenen Kätzchen zur Welt.

In einem dritten Fall, der in der schwedischen Studie beschrieben wird, war eine exponierte, intakte weibliche Katze ähnlich unterdimensioniert. Sie brachte ein Kätzchen mit Myozele zur Welt – einer Erkrankung, bei der Muskeln durch die Scheide ragen – missgebildeten Beinen und Lähmungen. Das Kätzchen wurde eingeschläfert.

(Neubert merkte an, dass die klinischen Symptome bei den Mutterkatzen und ihren Nachkommen möglicherweise auch durch andere Ursachen erklärt werden könnten, einschließlich anderer Arten von Umwelteinflüssen, Infektionen, genetischen Anomalien und schlechter Ernährung.)

Die Botschaft verbreiten

Foto: Foto Studio Urbschat Berlin
Als Tierärztin im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Deutschland versucht Dr. Ann Neubert, Ärzte und die Öffentlichkeit über das Risiko einer versehentlichen Exposition von Haustieren und Kindern gegenüber topischen Medikamenten, die Östrogen oder Testosteron enthalten, aufzuklären.

In der Juni- Ausgabe 2022 des vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukten erstellten Bulletin zur Arzneimittelsicherheit veröffentlichten Neubert und Kollegen einen Bericht zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die versehentliche Exposition gegenüber topischen Sexualhormonen. Die Forschenden gaben einen Überblick über das Thema, einschließlich Statistiken, die einen deutlichen Anstieg des Einsatzes solcher Medikamente in der Humanmedizin zeigen.

Unter Berufung auf einen nationalen Arzneimittelverschreibungsbericht aus dem Jahr 2021 heißt es in dem Bulletin, dass die Verschreibungen von Testosteron in Deutschland von 6 Millionen definierten Tagesdosen im Jahr 2004 auf 27,6 Millionen definierte Tagesdosen im Jahr 2019 gestiegen sind. Für transdermales Östrogen stiegen die definierten Tagesdosen im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 8,1 % auf 48,3 Millionen.

Das Bulletin listet eine Reihe von Fällen auf, die in der wissenschaftlichen Literatur oder in der Pharmakovigilanz Datenbank gemeldet wurden, von Kindern vom Säugling bis zum Alter von 8 Jahren, die Östrogen- oder Testosteronprodukten ausgesetzt waren, die von Erwachsenen in ihren Familien verwendet wurden. Zu den Symptomen der Kinder gehörten Brustentwicklung, vorzeitige Pubertät, sexuelle Frühreife, Virilisierung, Hautpigmentierung und vorzeitiges Knochenalter.

Neubert sagte gegenüber VIN News, dass es sich bei den Medikamenten in Europa im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo Hormontherapien üblicherweise als für den individuellen Patienten hergestellte bzw. zusammengesetzte Präparate verabreicht werden, um kommerzielle Arzneimittel handelt, die durch einen Zulassungsprozess überprüft wurden. „Europa“, sagte sie, „ist im Vergleich zu den USA sehr streng. Das ist ein großer Unterschied zwischen unseren Märkten." Unabhängig davon scheinen unbeabsichtigte Expositionen ähnliche Auswirkungen zu haben.

Sie wies darauf hin, dass ab August 2022 Östrogensprays und -gele, die in der gesamten EU verschrieben werden, entsprechende Warnhinweise an die Benutzer enthalten müssen, um den Kontakt von Kindern mit der Haut zu vermeiden, auf die das Produkt aufgetragen wurde. In der Packungsbeilage müssen auch mögliche Nebenwirkungen durch unbeabsichtigte Exposition aufgeführt sein. Allerdings werden Haustiere in den Warnhinweisen nicht erwähnt.

Neubert glaubt, dass die Fälle von Sekundärexposition wahrscheinlich viel höher sind, als die Statistiken widerspiegeln. „Wie bei allen Pharmakovigilanz Daten kann eine hohe Dunkelziffer vermutet werden, und daher stellen bekannte Fälle nur die Spitze des Eisbergs dar", sagte sie.

Sobald Kliniker auf das Problem aufmerksam werden, ist es einfach, es anzugehen, schlagen Neubert und Kollegen in ihrer Studie vor. „Eine gründliche Anamnese ist eine kostengünstige und vergleichsweise einfache diagnostische Methode", schreiben sie und beziehen sich dabei auf die Erfassung des gesundheitlichen Patientenhintergrunds. Sie fügen hinzu: „Andere diagnostische Methoden wie Vaginal- oder Präputialzytologie, Hautbiopsie, Hormontests und Bildgebung können den Verdacht bestätigen oder zum Ausschluss von Differentialdiagnosen wie unvollständigen Kastrationen oder hormonproduzierenden Zysten oder Tumoren eingesetzt werden.

Die Behandlung ist ebenso einfach: „Die Therapie besteht darin, die Exposition zu vermeiden", schreiben die Forscher. 

Um das Phänomen bekannt zu machen, hat Neubert auf Veterinärkonferenzen in Deutschland gesprochen. Nächsten Monat wird sie auf einer Tagung in Berlin, die der Human- und Veterinärreproduktionsmedizin gewidmet ist, ein Poster über ihre Ergebnisse präsentieren.

Ein weiterer Aspekt, an dem Neubert interessiert ist, ist die unbeabsichtigte Exposition von Haustieren gegenüber topischem Testosteron, für die sie in der wissenschaftlichen Literatur keine Fälle gefunden hat. Zeitschriftenberichte, die sie und Kollegen in Bezug auf Testosteron zitiert haben, beziehen sich nur auf eine sekundäre Exposition von Kindern.


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